Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen ist Asiens Politikerin des Jahres 2020

Tsai-Ing-wen-bei-EU-Investment-Forum-2020.-Screenshot-Youtube.

Was zeichnet einen herausragenden Politiker oder in diesem Falle eine Politikerin aus? Beliebtheit? Charisma? Effizienz? Führungsstärke? Medienpräsens? Visionen? Das Wohlergehen ihres Souveräns zu mehren? Wahrscheinlich ein Amalgan aus alledem. Und schon deshalb ist es im Corona-Jahr 2020 nicht einfach, einen Staatenlenker zu finden, der in dieser leidgeprüften Zeit einen aufsehenerregenden Job gemacht hat.

Ich denke, gäbe es eine Rikscha-Reporter-Goldmedaille für die beste Politikerin zu verleihen, den herausragenden politischen Kopf Asiens zu küren, Tsai Ing-wen müsste 2020 die Auszeichnung erhalten. Die 64-Jährige ist die amtierende Präsidentin Taiwans. Ihr ist es trotzt Krise gelungen, was ihren Vorgängern bisher versagt blieb. Tsai Ing-wen hat Taiwan im Bewusstsein von politischen Akteuren, Journalisten und selbst normalen Zuschauern der globalen Politarena fest auf der Landkarte positioniert. Man nimmt die Nummer 20 der größten Volkswirtschaften der Welt wieder wahr. Und zwar als demokratische Nation, von der sich auch in Europa noch etwas lernen lässt. Beachtlich, denn noch zu Jahresbeginn galt Taiwan, vielmehr die „Republik China“, wie der offizielle Staatsname der 24-Millionen-Einwohnernation lautet, noch als Pariastaat.

Eigentlich ist Taiwan, die „Ilha Formosa“, seit dem Ende des chinesischen Bürgerkrieges im Jahr 1949 eine unabhängige Nation. Doch mit etwa der gleichen Logik wie Donald Trump behauptete, die US-Präsidentschaftswahlen 2020 seien gefälscht, insistiert Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping, dass Taiwan eine abtrünnige Provinz der erst 1949 gegründeten kommunistischen „Volksrepublik China“ sei. Peking besteht auf seiner Ein-China-Politik

„Time for Taiwan“, Tourismuswerbung. Foto: Jürgen Kremb

Und deshalb unterhalten nur noch 14 unbedeutende Zwergstaaten offizielle diplomatische Beziehungen zu der ersten und einzigen Demokratie im chinesischen Kulturraum. Tendenz sinkend.

Chinas Politiker führen international zudem einen kalten Vernichtungskrieg gegen die kleine Insel. Sie drohen Firmen und Staaten schon mit der Verbannung vom chinesischen Markt, wenn Taiwan auf deren Karten und Werbematerialien nicht als Teil Chinas abgebildet ist. Amok laufen die Pekinger Wolfsdiplomaten geradezu, wenn etwa eine offizielle Wirtschaftsdelegation, wie die von Tschechien im Frühjahr, Taipei besucht.

Tsais Wiederwahl schien nach vier Jahren Amtszeit Ende 2019 sehr fraglich. Unter anderem, weil sie in Taiwan als erstes Land im eher konservativen Asien die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert hatte. Doch dann kam Corona und Xi Jinping. Tsai begann ihre zweite Amtszeit im Januar mit einem Erdrutschsieg. Und seitdem wächst sie über sich hinaus. Im Auftreten stets ruhig und bescheiden, hat sie schon etwas Angela Merkel-haftes.

Es gab keinen Lockdown, die Wirtschaft wächst, Fabriken und Schulen blieben geöffnet, Kinos und Restaurants sowieso.

Kein Land machte bei der Bekämpfung des Coronavirus weltweit einen besseren Job. Die Einreise auf die Insel von der Größe Baden-Württembergs wird strikt kontrolliert, denn immerhin leben mehr als eine Million taiwanische Geschäftsleute in China. Dazu sind gut eine Million Fremdarbeiter aus Südostasien im Land. Eine 14-tägige Quarantäne bei der Einreise ist Pflicht. Doch bis heute sind nur sieben Corona-Tote zu beklagen. Lediglich 800 Menschen haben sich bisher mikt dem Virus infiziert. Es gab keinen Lockdown, die Wirtschaft wächst, Fabriken und Schulen blieben geöffnet, Kinos und Restaurants sowieso. Geradezu eine Meisterleistung für das Land mit einer der höchsten Bevölkerungsdichten weltweit. Und das obwohl der Insel der Zugang zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) und deren Expertise auf Druck Chinas verwehrt bleibt.

Nebel in Taiwans Hauptstadt Taipei. Foto: Jürgen Kremb

Noch vor einem Jahr wussten viele Europäer, Amerikaner sowieso, nicht genau, wo Taiwan liegt. „Wie bitte? Thailand oder Taiwan?“ die Frage. Jetzt wird Taiwan in Talkshows zwischen Wien, Zürich und Hamburg in einem Atemzug mit den Demokratien Asiens, Japan, Südkorea und Indonesien genannt.“

Dazu gelang es Tsai, den China-Taiwan-Konflikt zu internationalisieren. Je mehr Chinas Großer Steuermann Xi Jinping drohte, er werde Taiwan bald mit militärischer Gewalt heim ins chinesische Reich holen, desto vehementer verweigern europäische und asiatische Politiker nun den Kotau vor der kommenden Supermacht China. Die brutale Niederschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong stärkte Tsai weiter den Rücken. Jetzt fliehen verfolgte Studenten und Menschenrechtler aus der chinesischen Sonderverwaltungszone ins demokratische China auf Taiwan.

Ein Einmarsch des chinesischen Drachen auf dem kleinen Taiwan sei nicht hinnehmbar, heißt es jetzt unumwunden in Brüssel, Berlin, London, Washington, Tokio und Canberra sowieso. Im Kampf David Taiwan gegen Goliath China führt Taiwan in der Halbzeit zumindest nach Punkten.

Tsai Ing-wens markantester Satz in diesem Jahr: „China soll endlich aufhören, den eigenen Lügen zu glauben.“ Das sitzt. Wäre Tsai Ing-wen ein CEO, sieht hätte 2020 einen Bonus verdient. Und zwar einen recht fetten.

Über den Autor

Jürgen Kremb
ist ein deutscher Autor, Journalist und Auslandskorrespondent, der vorwiegend zu Asien, Menschenrechten und den Sicherheitsdiensten publiziert. Er studierte und lehrte Ostasienwissenschaften (Japanologie, Sinologie, Tibetologie), Volkswirtschaft und Journalismus an der FU Berlin sowie an der Pädagogischen Hochschule in Taipei/ Taiwan. Als Autor schrieb er für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften im deutschsprachigen Raum. Dazu berichtete er für dpa, den Hörfunk und leitete mehr als zwei Jahrzehnte die SPIEGEL-Redaktionsvertretungen in Beijing, Singapur und Wien. Heute lebt Jürgen Kremb als Berater und Startup-Unternehmer in Wien und meist Singapur, von wo er sich gelegentlich auch für die NZZ und das Handelsblatt meldet.

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