Chinas täglicher Zermürbungskrieg gegen Taiwan

Verdun wäre dagegen ein harmloser Schulausflug gewesen. Screenshot: Foreign Policy

Greift China nach der Zerschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong jetzt auch bald Taiwan an? Und würde die USA, samt ihrer Verbündeten von Australien bis Südkorea, einen Waffengang mit China riskieren? Eine müßige Frage. Denn längst hat die Volksrepublik China ihren täglichen „Grauen Krieg“ gegen den kleinen, demokratischen Nachbarn Taiwan schon begonnen. 

Die Szene ist dieser Tage typisch in der Taiwan-Straße, der Meeresenge, die das chinesische Festland von der demokratischen Inselrepublik Taiwan trennt. Bomber, Kampfjets und Aufklärungsflugzeuge steigen meist in Geschwaderstärke aus Südchina auf. An der schmalsten Stelle beträgt die Entfernung zwischen dem kommunistischen China und der 24-Millionen-Einnwohnerinsel Taiwan, nur 130 Kilometer. In der Mitte dieser Wasserstraße verläuft die sogenannte Luftverteidigungslinie (ADIZ, für engl.: „Air Defence Identification Zone“).

Dort könnte also scharf geschossen werden, wenn gegnerische Flugzeuge sich nicht abdrängen lassen oder auf eine Warnung, den taiwanischen Luftraum zu verlassen, nicht reagieren. Aber wenn heimische Abfangjäger sich den Flugzeugen der Volksrepublik China (VRCh) nähern und zur Umkehr auffordern, tönt über Funk meist nur ein hingeraunztes: „Stört uns nicht“ oder auch mal „das ist chinesischer Luftraum.“ Meist sagen die chinesischen Piloten gar nichts, halten ihre Flugzeuge einfach auf den Gegner zu, bis sie kurz vor einem möglichen Crash abdrehen.

Allein in den ersten drei Dezemberwochen 2020 seien nach Angaben von taiwanischen Medien heimische Kampfjets 47-mal in derartige Zwischenfälle mit „Eindringlingen“ verwickelt gewesen. Die offiziellen Zahlen der Luftwaffe des Inselstaates sind aber weitaus alarmierender. Genau 2972 solcher Vorkommnisse wurden dort Ende Oktober für das Jahr 2020 registriert. Ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um etwa 130 Prozent.

Und auf offener See sieht es nicht besser aus. Aus einer Anfrage im Taipeier Parlament geht hervor, dass die Marine des Landes bis Anfang November 1223-mal ausrücken musste, um Schiffe der chinesischen Marine aus ihren Hoheitsgewässern zu vertreiben. Dies ist gar eine Steigerung um 400 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Etwa zwei Wochen bis die Hauptstadt Taipei fällt. Foto: pexels.com/ rechtefrei

Dabei sind die Schiffe mit den Hoheitszeichen der chinesischen Volksbefreiungsarmee (VBA) bei weitem nicht das größte Problem. Denn bisweilen fallen ganze Flotten der sogenannten „Fischerei Milizen“ in die Gewässer der kleinen Nation ein. Das sind Schwärme von mehreren Hundert Booten, die äußerlich wie Fischkutter aussehen und auch die Meere ausplündern, aber wesentlich stabiler gebaut sind. Einige sind aus Metall gefertigt, und wie die wesentlich schlechter gerüsteten Filipinos oder Vietnamesen schon mehrmals erleben mussten, rammen sie ihre Gegner einfach aus dem Weg. Sie haben kleinere Schusswaffen an Bord, wovon sie ab und zu auch Gebrauch machen.

Die Nachrichtenagentur Reuters hat derartige Zwischenfälle jüngst in einer längeren Zusammenstellung analysiert. Die Schlussfolgerung, es  sei längst ein „Krieg im Graubereich“, der täglich zwischen der Zwei-Millionen-Armee Chinas und den wesentlich kleineren taiwanischen Streitkräften tobt. Ziel sei es, den Gegner mit ständigem Zwang zur Alarmbereitschaft zu zermürben und derart Mensch und Material zu verschleißen.

Eigentlich ist Taiwan seit 1949 de facto unabhängig, geriet aber gleichzeitig wegen des permanenten Drucks der Volksrepublik China international ins diplomatische Abseits.

Das ist ein brandgefährliches Spiel. Denn es scheint nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand im Cockpit eines Abwehrjägers oder auf der Brücke einer Fregatte einen Fehler begeht, die Kontrakten aufeinander krachen oder doch scharf geschossen wird. Die Folgen für die gesamte Region Ost- und Südostasien wären unabsehbar. Dass einer der Konkurrenten klein beigibt, ist aber nicht zu erwarten. Im Gegenteil.

Die kapitalistisch gewendete, aber von einer kommunistischen Kaderpartei regierte Volksrepublik China betrachtet das demokratische Taiwan als „abtrünnige Provinz“. Sie müsse heimgeholt werden, wie Parteichef Xi Jinping in den letzten Monaten vor Soldaten immer aggressiver fordert: notfalls mit militärischer Gewalt.

Begründet wird das aus Sicht Chinas mit der gemeinsamen Geschichte und Kultur. Das mutet freilich so anachronistisch an, als wolle die Bundesrepublik Deutschland Siebenbürgen, Österreich und das Elsass der BRD einverleiben. Eigentlich ist Taiwan seit 1949 de facto unabhängig, geriet aber gleichzeitig wegen des permanenten Drucks der Volksrepublik China international ins diplomatische Abseits.

Jetzt wird die militärische Lage zusehends prekär. Während die VRCh seit zwei Jahrzehnten massiv aufrüstet, ist das international weitgehend isolierte Taiwan vor allem auf Waffenlieferungen aus den USA angewiesen. Dazu hat sich Washington im „Taiwan Relation Act (TRA)„, einem US-Gesetz verpflichtet, seit es 1979 China diplomatisch anerkannte und die Beziehungen zu Taiwan im Rahmen der „Ein-China-Politik“ herabstufte.

Taiwan ist vor allem auf Waffenlieferungen aus den USA angeweisen. Foto: pexels/ rechtefrei

Es ist zwar ein offenes Geheimnis, dass die USA Taiwan auch beim Training seiner Streitkräfte unterstützt. Ob die Supermacht aber auch Truppen nach Taiwan schicken würde, um die Insel bei einer Invasion durch den feindseligen Nachbarn zu verteidigen, das ließ Washington in einer Politik der „Strategischen Mehrdeutigkeit“ stets unbeantwortet. Deshalb gab Washington während der Amtszeit von Präsident Ronald Reagan (1981-1989) noch die „Sechs Zusicherungen“ ab. Deren Kernsatz lautet, dass „die USA eine Staatshoheit der Volksrepublik China über Taiwan formal nicht anerkennen“ werde.

Denn damit hätte sich die VRCh in der Mitte der „erste Inselkette“ eingegraben, die sich von Japan im Norden Ostasiens, bis nach Borneo im Süden zieht. Peking könnte somit die Schifffahrtswege des gesamten Kontinents und den westlichen Pazifik kontrollieren, ein absolutes Albtraumszenario für die Supermacht USA.

Aber solange die USA auf Taiwan keine Truppen stationiert, und das ist vorerst politisch im Repräsentantenhaus nicht durchsetzbar, müsste die Insel etwa fünf bis maximal zwölf Tage einem Angriff Chinas alleine standhalten. Ähnlich lange würde es nach Einschätzung von Militärstrategen dauern, bis die USA und Japan Truppen- und Marineverbände von den US-Basen in Okinawa, Guam und dem amerikanischen Festland nach Taiwan verlegt hätten. Auch Japan, das an der Seite Taiwans und der USA kämpfen würde, bräuchte ähnlich lange, um in die Schlacht um Taiwan einzugreifen.

Nur 13 Strände für Landeangriffe. Foto. Jürgen Kremb

Doch könnte das kleine Taiwan einem chinesischen Angriff so lange standhalten? Die Verluste wären sicher immens hoch. Mit einer Fläche so groß wie Baden-Württemberg und knapp 24 Millionen Einwohnern (etwa soviel wie Österreich, die Slowakei und Tschechien zusammen), ist die Insel nach Bangladesch der dicht-besiedelste Flächenstaat der Welt. Chinas Armee hat etwa zwei Millionen Soldaten unter Waffen. Taiwan weniger als 200.000. Das Militärbudget Pekings betrug 2019 mehr als 150 Milliarden US-Dollar, das von Taiwan nur etwa 10 Milliarden. Und dass der Wehrdienst auf der Insel nur noch vier Monate beträgt, stärkt die Wehrfähigkeit sicher nicht

Auch bei Kriegsgerät sieht es für Taiwan nicht gut aus. Während China eine Armada von etwa 2000 Bombern und Kampfjets über die Meeresenge schicken könnte, stehen auf der Gegenseite nur 200-300 Abfangjäger zur Verteidigung bereit. Zudem hat China in den letzten Jahrzehnten zahllose Batterien von Lenkwaffen und Mittelstreckenraketen in seinen Südprovinzen stationiert, die alle auf Taiwan und die umliegenden Gewässer gerichtet sind.

Aber, dass China das kleine Taiwan in einem Tag überrennen könnte, wie Parteichef Xi Jinping dieser Tage in seinen Staatsmedien trommeln lässt, ist nicht mehr als billige Propaganda. Am D-Day, dem 6. Juni 1944, der Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkrieges, landeten „nur“ 156.000 alliierte Soldaten in der Normandie. Zum D-Day um Taiwan müsste China mindestens eine Million Soldaten, wahrscheinlich sogar deutlich mehr, über die wegen seiner rauen See gefürchteten Taiwanstraße schicken. Das wäre nicht nur die größte militärische Landeoperation der Menschheitsgeschichte, sondern erstmal ein logistischer Albtraum. Das wissen auch Chinas Generäle.

Und solch ein gigantischer Waffengang ließe sich keinesfalls geheim halten. Die Gegenseite könnte 60 Tage vor einem möglichen Angriff die Operation mit ihren Details relativ präzise voraussagen, meint die Fachzeitschrift „Foreign Policy„. Genug Zeit, um die relativ schmale Meerenge total zu verminen. Im Gegensatz zur martialischen chinesischen Propaganda, sind die Mehrzahl der VBA-Soldaten keine Elitekämpfer, sondern auch nur Bauernjungen aus dem Hinterland. Viele haben noch nie das offene Meer gesehen, geschweige denn befahren. Die meisten von ihnen müssten zudem auf Handelsschiffen oder umfunktionierten Fischerbooten übersetzen. Sie wären nicht mehr als Kanonenfutter.

Da Taiwan recht gebirgig ist, allein 200 Gipfel messen mehr als 3000 Meter, bietet sich nur an insgesamt 13 Stränden genügend Platz für Landemanöver. In Nachbarschaft all dieser Buchten stehen jedoch Chemie-Anlagen, die ahnen lassen, dass Verdun im Vergleich dazu ein harmloser Schulausflug gewesen wäre.

Nach Schätzungen des taiwanischen Verteidigungsministeriums könnte die Insel dem chinesischen Ansturm etwas länger als zwei Wochen standhalten, bevor die Hauptstadt Taipei fällt.

In den letzten Jahren ging die taiwanische Armee auf Anraten der USA dazu über, ihre mehr als zwei Millionen Reservisten in Guerilla- und Häuserkampf auszubilden. „Maßnahme der asymmetrischen Kriegsführung“ heißt das im Jargon der US-Militärberater. Laut „Foreign Policy“ wären die Strände schnell in eine „Werkstatt des Horrors“ verwandelt, durchzogen von unterirdischen Tunneln, die mit Sprengstoff gefüllt sind. Auf dem Weitermarsch würden Stahlseile, die zwischen Hochhausschluchten gespannt werden, Hubschrauber zum Absturz bringen.

Taiwan, maximale Reichweite chinesischer Raketen. Screenshot: Foreign Policy

Die „Landsleute in Taiwan,“ die laut KP-Propaganda ihrer Befreiung entgegensehnen, könnten sich in Guerillakräfte verwandeln, die Brücken sprengen oder einfach auch nur Straßen massenweise mit Autos, Lastwagen und allerlei schwerem Gerät zustellen. Damit würde der vermeintlich einfach gewähnte Vormarsch auf Taipei zum zähen und verlustreichen Albtraum verkommen.

Nach Schätzungen des taiwanischen Verteidigungsministeriums könnte die heimische Armee dem chinesischen Ansturm etwas länger als zwei Wochen standhalten, bevor die Hauptstadt Taipei fällt. Dann aber wären US-Kräfte zur Stelle. Und diese haben im Gegensatz zur VBA genügend Kampferfahrung, weil die USA ohnehin ständig irgendwo Krieg führt. Das letzte Mal aber, als Truppen der VBA scharf geschossen haben, war nachgewiesenermaßen im Juni 1989 beim Tiananmen-Massaker im Herzen der chinesischen Hauptstadt, und zwar auf die eigene Bevölkerung. Zahlreiche Niederschlagungen von Aufständen im chinesischen Hinterland, wurden danach wohl von der bewaffneten Volkspolizei erledigt. Die VBA ist lange nicht so wehrfähig und konflikterfahren, wie die KP das im täglichen Trommelfeuer der staatlichen Propaganda behauptet.

Dies ist auch der Hauptgrund, warum China nun versucht Taiwans Verteidigungsfähigkeit durch täglich initiierte Scheinangriffe, einem Krieg im Graubereich zu zermürben. Indem das kleine Land jetzt quasi permanent in Alarmbereitschaft ist, zerschleißt das Material und sinkt die Aufmerksamkeit der Truppen lange vor einem Angriff des Gegners. Das würde eine Schlacht erleichtern, so die Kalkulation von Pekings Generälen. Aber auch das mag eine trügerische Hoffnung sein.

Denn womit Xi und seine Führungsgenossen nicht gerechnet haben, ist die schleichende Internationalisierung des Konflikts, die sich 2020 breit gemacht hat. Je aggressiver sich Chinas Führungsgenossen gebärden, desto mehr wächst der Widerwill gegen den neuen Hegemon. Lange haben Chinas asiatische Nachbarn und Europas Staatenlenker verärgert, aber tatenlos zugesehen, als Peking dreist die gesamte südchinesische See samt der unbewohnten Atolle dort zu seinem Hoheitsgewässer deklariert hat. Keiner wollte sich den Zugang zum großen chinesischen Markt verderben.

Parteichef Xi Jinping hatte im Brustton der Überzeugung noch Barack Obama versichert: „Nie wird China die Insel dort militärisch nutzen.“ Nur ein Jahrzehnt später sind aus den flachen Sandbänken, zementierte Flugzeugträger geworden. Wann und wie ausländischen Handelsschiffen dort durchfahren dürfen, das diktiert Xis Marine nun nach Gutdünken.

Chinas Soldaten haben zuletzt im Juni 1989 scharf geschossen, auf die eigene Bevölkerung in Peking. Foto. Jürgen Kremb

In europäischen Hauptstädten hat sich deshalb die Ansicht durchgesetzt, dass China unter Präsident Xi Jinping kein verlässlicher Partner, sondern ein „strategischer Rivale“ ist. Eine Nation, die mit ihrer „Wolfsdiplomatie“ international mittlerweile ähnlich herrisch, selbstgefällig und dominant auftritt wie dereinst Hitler-Deutschland vor dem „Münchner Abkommen“. Siehe die aggressiven Töne etwa gegenüber Australien, Norwegen, Tschechien und Deutschland – auch die tödlichen Prügelscharmützel mit Indien im Himalaya. Und eine Nation, die, wie die brutale Niederschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong vorführt, einmal geschlossene völkerrechtliche Verträge ohne mit der Wimper zu zucken nach Belieben vom Tisch wischt.

Auch der Umgang mit dem in Wuhan freigesetzten Coronavirus hat gezeigt, dass Xi Jinpings China nur am Machterhalt der amtierenden KP-Clique interessiert ist und der Welt seine Propagandalügen als vermeintlich unumstößliche Wahrheiten auftischen will.

Noch zu Jahresbeginn 2020 war Taiwan nur ein Pariastaat, jetzt steht das demokratische China nicht mehr ganz alleine.

Ein Überfall auf das demokratische Taiwan würden mittlerweile die gegenüber China stets kratzfüßigen Deutschen und Franzosen genauso wenig kaltlassen, wie Australien, Neuseeland und auch Indien nicht. Zu Jahresbeginn 2020 waren es vor allem US-Flottenverbände, die regelmäßig durch das von China beanspruchte Südchinesische Meer patrouillierten, um die Gewässer für die internationale Seefahrt offenzuhalten.

Mitte Dezember 2020 aber haben sich auch ein französisches Atom-U-Boot und eine britische Fregatte dem Konvoi angeschlossen. Selbst Deutschland wird 2021 als „klares Zeichen der Solidarität“, so Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, eine Fregatte nach Ostasien verlegen. Noch zu Jahresbeginn 2020 war Taiwan nur ein Pariastaat, jetzt steht das demokratische China nicht mehr ganz alleine.

Mit Material von: Foreign Policy, South China Morning Post, New Talk/ Taiwan

Über den Autor

Jürgen Kremb
ist ein deutscher Autor, Journalist und Auslandskorrespondent, der vorwiegend zu Asien, Menschenrechten und den Sicherheitsdiensten publiziert. Er studierte und lehrte Ostasienwissenschaften (Japanologie, Sinologie, Tibetologie), Volkswirtschaft und Journalismus an der FU Berlin sowie an der Pädagogischen Hochschule in Taipei/ Taiwan. Als Autor schrieb er für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften im deutschsprachigen Raum. Dazu berichtete er für dpa, den Hörfunk und leitete mehr als zwei Jahrzehnte die SPIEGEL-Redaktionsvertretungen in Beijing, Singapur und Wien. Heute lebt Jürgen Kremb als Berater und Startup-Unternehmer in Wien und meist Singapur, von wo er sich gelegentlich auch für die NZZ und das Handelsblatt meldet.

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