Der chinesische Imperialismus und Taiwan – eine österreichische Sichtweise. Was haben die Nazis und Xi Jinping gemeinsam? – Von Arthur Krön

Österreich, mein Geburtsland, ist eine der östlichsten Niederlassungen deutschsprachiger Menschen.  Es sieht sich sowohl als Teil des Ostens als auch des Westens. Seine Bevölkerung ist ethnisch mit Italien, Deutschland und Ungarn sowie mit den slawischen Ländern verbunden. In den 1930er Jahren verkündete Adolf Hitlers Kampagne zur „Wiedervereinigung“ Österreichs mit dem Deutschen Reich, dass alle „Deutschen wieder“ in einem starken und mächtigen Land leben sollten, obwohl dies nie wirklich der Fall gewesen war. Dies würde zu einem goldenen Zeitalter führen, in dem „alle Deutschen“ unter dem Credo „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ endlich „wiedervereint“ wären.

Ich bin auch Halb-Taiwanese. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei China (KPCh), Staatspräsident Xi Jinping verkündete in seiner Neujahrsansprache 2019, dass die „Wunden der Geschichte“ nur geheilt werden können, indem Taiwan in eine Union mit der Volksrepublik China „zurückgeholt“ werde.

Asia Sentinel. 3. Juli 2021. Screenshot
Xi Jinping aus: Asia Sentinel. 3. Juli 2021. Screenshot

Vergessen wir dabei, dass Taiwan nie Teil der Volksrepublik war und die meiste Zeit der letzten 125 Jahre in keiner Form zu China gehört hat, klingt das nicht unheimlich vertraut?

Sowohl der deutsche Nationalismus in den dreißiger Jahren als auch der chinesische Nationalismus heute bieten eine Vision von Schutz und Wohlstand für die dominante ethnische Gruppe um den Preis des Verlusts von Demokratie, Freiheit und Souveränität für schwächere Nachbarn und Minderheiten.

Betrachtet man die Propaganda, die in beiden Fällen eingesetzt wird, so entdeckt man einige erschreckend ähnliche Themen.

Xi Jinping spricht oft vom „Jahrhundert der Demütigung“ und bezieht sich dabei auf die Zeit zwischen 1842 und 1949, als China seiner Meinung nach von westlicher und japanischer Kanonenbootdiplomatie, Invasion und Besatzung unterdrückt wurde. Die Nazis hingegen sprachen von der „Demütigung von Versailles“, einem historischen Unrecht, das gerächt werden müsse.

Nazi-Propagandaschriften. Foto: Jürgen Kremb

Beide Regime propagieren die „nationale Verjüngung“ als Mittel, um die Schande der Vergangenheit zu tilgen, und die „Wiedervereinigung“ aller „Deutschen“ und „Chinesen“ als Voraussetzung für diese politische Vision der „Verjüngung“ zu erreichen.

„Die Wiedervereinigung“, so Xi im Januar 2019, sei „eine unvermeidliche Voraussetzung für die große Verjüngung des chinesischen Volkes“. In ähnlicher Weise sah der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler die österreichische Unabhängigkeit als Hindernis für den Aufbau eines „wirklich großen Reiches“.

Es ist ein gängiges Thema unter revisionistischen totalitären Regimen, ein Gefühl des nationalen Anspruchs und des Exzeptionalismus zu propagieren. Durch die Verwendung der Worte „nationale Verjüngung“ wird impliziert, dass es eine Zeit gab, in der die Stellung der „chinesischen Nation“ in der Welt „ihrem natürlichen Status entsprach“. Jetzt, nach einem „Jahrhundert der Demütigung“, sei es das natürliche Recht der Chinesen, wieder eine dominante Position einzunehmen.

Dieses Argument hat einen weiteren, zutiefst revisionistischen Aspekt: In dieser „glorreichen Vergangenheit“ war die Insel Taiwan Teil Chinas. Um den früheren Ruhm wiederzuerlangen, muss sie also dorthin „zurückkehren“.

Dieser Trick zielt auf einen der dunkelsten Instinkte der Menschheit ab – den Glauben, dass man aufgrund seiner Geschichte, Nationalität, Herkunft oder ethnischen Zugehörigkeit ein Anrecht auf eine bestimmte Position in der Welt hat. Jede Regierung wird ihrem Volk Wohlstand und Sicherheit versprechen, aber die Propagierung einer „nationalen Verjüngung“, die Exklusivität und Vorherrschaft mit harter Hand impliziert, ist eine weitaus gefährlichere Gesinnung.

Tsai Ing-wen bei EU Investment Forum 2020. Screenshot-Youtube.

Die Propaganda der KPCh in Bezug auf Taiwan propagiert ein weiteres Narrativ: Taiwan ist Teil der „chinesischen Familie“. In seiner Rede zum 40. Jahrestag der „Botschaft an die Landsleute in Taiwan“ im Januar 2019 in Peking verkündete Xi, dass „die Menschen auf beiden Seiten der Meerenge zwischen China und Taiwan zu einer Familie gehören, und die Probleme zwischen den beiden Seiten der Meerenge sind eine Familienangelegenheit und sollten daher von den Familienmitgliedern gelöst werden“. Indem er die verschiedenen Völker Taiwans als zur selben Familie gehörend einstuft, führt Xi das Konzept des „Blutes“ wieder in die internationale Politik ein.

„Gemeinsames Blut gehört in ein gemeinsames Reich“ ist eine berühmte Zeile in Hitlers Buch „Mein Kampf„. Die gesamte Kampagne vor dem „Anschluss“ drehte sich um diesen Schlüsselbegriff. Hitlers Propagandamaschine hat in den dreißiger Jahren die Deutschen, die Welt und viele Österreicher erfolgreich davon überzeugt, dass sein Ziel lediglich die „Wiedervereinigung des gesamten deutschen Volkes“ sei. Vor der Scheinabstimmung über den Anschluss nach der Besetzung war auf Propagandaplakaten in ganz Wien die Parole zu lesen: „Reicht euch die Hand, ihr Germanen, von der Donau bis zum Rhein“.

Die Nationalsozialisten wollten ein Bild der Einheit zwischen Österreich und Deutschland vermitteln – eine politische Einheit, die auf der Idee der Zugehörigkeit zum selben Volk beruhte.

Briefmarken, Drittes Reich. Foto: Jürgen Kremb.

Österreich war also keine souveräne Nation, die von einem autoritären Regime besetzt wurde, sondern ein verlorener Teil eines Volkes, das endlich „Heim ins Reich“ zurückkehren wollte. Die Großmächte der damaligen Zeit nahmen Hitler diese Darstellung ab und hofierten ihn, während er die riesigen Goldreserven der Nationalbank in Wien und die österreichischen Ölfelder zum Aufbau seiner Kriegsmaschinerie nutzte.

Sowohl die Idee des „deutschen Blutes“ als auch die einer „chinesischen Familie“ sind Konstruktionen autoritärer Regime, um politische Unterdrückung und imperialistischen Expansionismus zu legitimieren. In seiner Pekinger Rede zur Feier des 70. Jahrestags der KPCh-Herrschaft betonte Xi, dass „Einheit aus Eisen und Stahl besteht; Einheit ist eine Quelle der Stärke.“

Aber Einheit in Bezug auf was?

Konzentrieren wir uns auf die Idee einer „chinesischen Familie“. Das klingt zwar viel freundlicher als Hitlers „gemeinsames Blut“ oder „Germanen, die sich die Hand reichen“, aber im Grunde bedeutet es dasselbe. Nationalität und Identität sind eine Frage der Herkunft, die nicht von einem selbst, sondern von einer äußeren Macht definiert wird.

Von den Chinesen als Chinesen eingestuft zu werden, prädestiniert ein Volk dazu, sich der Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas zu unterwerfen.

Die KPCh nimmt nicht nur die Identität Taiwans vorweg, sondern auch die Zugehörigkeit zur Partei. Sowohl die KPCh als auch die Nazis haben ihre grausamen Ideologien erfolgreich mit der nationalen Identität verknüpft und diese zur Rechtfertigung einer Ein-Parteiendiktatur benutzt. Staat und Partei werden untrennbar.

Die „chinesische Familie“ impliziert auch eine gewisse Form der Homogenität. Die Realität scheint das Gegenteil zu sein. Die beiden größten Regionen Chinas, Xinjiang und Tibet, wurden im 18. und 20. Jahrhundert erobert oder, wie die KPCh sagt, „befreit“.

The Times. 6. Juli 2021. Screenshot.

Interessanterweise war den Bewohnern der beiden Gebieten nicht bewusst, dass sie zur Han-Familie gehören, bis sie von chinesischen Truppen überrollt wurden. Vielleicht waren sie einfach zu unwissend, um ihre Vorbestimmung zu erkennen, und brauchten eine Invasionsarmee, um ihnen ihren Platz in der Familie zuzuweisen.

Indem die KPCh nicht-chinesischen Völkern und souveräne Gebiete als Teil der „chinesischen Familie“ einstuft, bevormundet sie Menschen, die sich vielleicht nicht als Chinesen fühlen, geschweige denn sich mit der autoritären Ideologie des Regimes in Peking identifizieren. Anstatt die ethnische Überlegenheit der Han-Chinesen über die anderen ethnischen Gruppen zu propagieren (wie Hitler es mit der „arischen Rasse“ tat), unterwirft der Begriff „chinesische Familie“ diese einfach einer konstruierten Nation, die von den Han-Chinesen dominiert wird.

Ein weiteres Propagandamittel aus dem autoritären Spielbuch ist die Schaffung von Unvermeidbarkeiten. Nachdem die taiwanesische Präsidentin Tsai Ing-wen bei den Wahlen im Januar einen erdrutschartigen Sieg errungen und sich damit eine zweite Amtszeit gesichert hatte, gaben die chinesischen Staatsmedien eine Erklärung ab, in der es hieß: „Diese vorübergehende Gegenströmung ist nur eine Blase unter der Flut der Zeit“.

Chinesische Touristen in Hallstadt/ Österreich. Foto: Jürgen Kremb
Chinesische Touristen in Hallstadt/ Österreich. Foto: Jürgen Kremb

Der Generalsekretär der Kommunistischen Partie Chinas, Xi Jinping, betonte anschließend, dass die taiwanesische Unabhängigkeit eine „Gegenströmung der Geschichte und eine Sackgasse“ sei. Auch Hitler wähnte, dass das Schicksal auf seiner Seite sei. In seiner berüchtigten ersten Wiener Rede auf dem Heldenplatz erklärte er, dass es die „Vorsehung“ sei, die ihm sein Heimatland an das Deutsche Reich „zurückgeben“ lasse.

Sowohl Xi, als auch Hitler behandeln ihre Expansionsbestrebungen als die unvermeidliche Wiederherstellung von etwas, das schon immer existiert hat, in der Gegenwart existiert und für immer existieren sollte. Als wäre die chinesische Familie ein unsterbliches Wesen, das auf den richtigen Zeitpunkt wartet, um die Weltbühne glorreich wieder zu betreten. Als ob das Deutsche Reich eine mystische Kraft wäre, der man einfach ein Stück Land „zurückgeben“ könne.

Heldenplatz/ Hofburg Wien. Foto: Pexels, rechtefrei.

Ein solcher revisionistischer Determinismus benutzt eine verfälschte Geschichte, um eine unausweichliche Zukunft zu rechtfertigen.

Die Taiwaner sind Generationen davon entfernt, sich mit dem zu identifizieren, was die Kommunistische Partei jetzt „chinesisch“ nennt. Taiwan hat eine reiche Kultur polynesischer Ureinwohner, eine niederländische, spanische und japanische Kolonialvergangenheit und hat die traditionelle Fukien- und Hakka-Kultur bewahrt, indem sie diese vor Maos Kulturrevolution geschützt hat.

Die Menschen auf der Insel haben sich eine Lebensweise bewahrt, die völlig unabhängig von der KPCh heranwuchs und von ihr nicht angetastet wurde. Ja, die Gezeiten der Geschichte bewegen sich, aber nicht in die Richtung, die sich die KPCh vorstellt.

Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zwischen Österreich in den dreißiger Jahren und Taiwan heute. Während viele Österreicherinnen und Österreicher jubelten, als sie formell der deutschen Volksgemeinschaft „wieder beitraten“, haben die Taiwanerinnen und Taiwaner die Idee, einer „chinesischen Familie“ anzugehören, längst aufgegeben.

Eigenständige Kultur: Tatami-Macher in Taizhong, Taiwan. Foto. Jürgen Kremb

Eine Umfrage im Mai letzten Jahres hat ergeben, dass sich zwei Drittel der Taiwaner als „nur Taiwaner“ bezeichnen, 28 Prozent sowohl als Chinesen als auch als Taiwaner und nur 6 Prozent als „nur Chinesen“.

Vergleichen wir dies mit Österreich im Jahr 1938, einem Land im Scherbenhaufen. Nachdem die Österreicher etwa 80 Prozent der ehemaligen habsburgischen Gebiete verloren hatten, suchten sie verzweifelt nach einer Identität, an die sie sich klammern konnten, und nach einem Mittel gegen ihre wirtschaftliche Misere.

Die Taiwaner hingegen sind heute ein selbstbewusstes Volk mit einer florierenden Marktwirtschaft, einem gesunden öffentlichen Diskurs und einem fähigen Militär im Rücken. Taiwan ist dabei, seine totalitäre Geschichte zu überwinden, während die KPCh immer noch glaubt, dass ihre verzerrte Version der Vergangenheit die Zukunft bestimmt.

Xi Jinping lebt in einer Fantasiewelt und klammert sich verzweifelt an ein schlampig konstruiertes Luftschloss: die unvermeidliche und unsterbliche chinesische Nation.

(Zuerst erschienen auf Englisch im Blog des Austrian Economics Center)

Foto: Arthur Krön.

Autor: Arthur Krön wuchs in einer taiwanesisch-österreichischen Familie auf und schreibt als freier Autor für diverse Onlinemedien über Europäische Politik, internationale Beziehungen und Wirtschaftsgeschichte. Seit 2019 lebt er in London und Wien, engagiert sich für einen nachhaltigeren Stiftungsfond der London School of Economics und andere universitätsbezogene Umweltthemen und arbeitet für ein österreichisches Start-Up im Bereich pflanzliche Proteinalternativen.

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