Warum eigentlich nicht Wuhan-Virus?

Park in Wuhan. Foto: Pixabay/ fotografiekb, rechtefrei

Kurz nachdem Joe Biden im Weißen Haus eingezogen war, verfügte er, dass in seiner Administration der in Wuhan zuerst aufgetretene Coronavirus strikt „SARS-Co V-2“ zu nennen sei. US-Bürger von chinesischer und asiatischer Abstammung hatten vor Behörden und lokalen Parlamenten demonstriert. Sie hielten Schilder hoch, auf denen zu lesen war: „Wir sind kein Virus.“ Oder: „China ist kein Virus.“ Der neue Präsident meinte, die Bezeichnung China-Virus oder Wuhan-Virus, von seinem Vorgänger Donald Trump häufig benutzt, trage einen rassistischen Unterton.

Aber ist das wirklich so oder ist der neue Präsident da nicht schon wieder auf die Propaganda der kommunistischen Partei Chinas reingefallen?

Der deutsche Sinologe und Asienexperte Oskar Weggel sagte einmal sinngemäß, China besetze nicht Länder, sondern Köpfe. Das stimmt zwar nicht ganz, schaut man sich einst unabhängige Nachbarländer von China an, wie etwa Tibet, Ostturkestan, die Innere Mongolei oder Vietnam und Korea, die während der Kaiserzeit oder der kommunistischen Regentschaft ganz von China besetzt oder zeitweise überrannt worden sind. Getreu der Handlungsmaxime, erst kommen die Kaufleute, dann Siedler, schließlich Soldaten und letztendlich die Beamten Chinas, nebst der staatlichen Unterdrückung durch Han-Chinesen.

Aber Weggels Einwurf, geprägt von der Mao-Zeit, war so gemeint, dass bevor die Volksrepublik China in einem Land einmarschiert, haben die Propagandisten aus Peking schon die Gehirne ihrer Gegner gewaschen und mit Spruchblasen sowie Gedankenverboten paralysiert. Überfall und Okkupation beginnen stets mit dem Krieg der Worte. Oder deutlicher gesagt, die extrem dünnhäutige chinesische Führung – Thematik Gesichtsverlust – lässt kein Mittel unversucht, in Diskussionen stets ihre Sprachregelung zum alleinseligmachenden Dogma zu postulieren.

Das fängt lapidar an. Das Neujahrsfest im asiatischen Mondkalender (engl. „Lunar New Year“), obwohl überall in Ost- und vielfach in Südostasien gefeiert, heißt nur noch Chinesisch Neujahr. Es wird hochpolitisch, wenn beispielsweise auch in gedankenlosen westlichen Medien „China die abtrünnige Provinz Taiwan heimholen“ will. Das, obwohl Taiwan nie ein Teil der erst 1949 gegründeten Volksrepublik China war. Und es wird unerträglich, wenn Konzentrationslager für Uiguren, Kirgisen und Kasachen, in denen Angehörige von ethnischen Minderheiten gefoltert, deren Frauen zwangssterilisiert und vergewaltigt werden, nur „Berufsbildungszentren“ der chinesischen Regierung sind.

Framing heißt das in Neu-Deutsch, was China schon seit den 50er Jahren betreibt. Stets soll sich die Welt auf die chinesische, somit KPCh-Sprachregelung einlassen. Falls das nicht geschieht, mischt man sich angeblich in die „inneren Angelegenheiten Chinas“ ein, ist schnell ein „Gegner des chinesischen Volkes“ oder beleidigt die „1,4 Milliarden Chinesen“, bis zum letzten Bauern im hintersten Zipfel des Riesenreiches.

Tödlicher Siegeszug eines Virus um die Welt. Foto: Pixabay/ rechtefrei

Aber warum gewährt Joe Biden, genau wie die EU, Angela Merkel und Medien weltweit den Propagandisten Pekings im Akt vorauseilenden Gehorsams ein linguistisches Sonderrecht. Sozusagen das Recht auf global beleidigte Leberwurst? Als Sprachcapo China-genehmer „political correctness“.

Chinas Führung hält sich nämlich auch nicht dran. Dort spricht man ganz selbstverständlich von der „Spanischen Grippe“, auch wenn diese, wie wir heute wissen, in Kansas ausgebrochen ist. Man kennt die „German Measles“ (Rubella), also die „deutschen Masern“, die „japanische Enzephalitis“ (japn. Gehirnhautentzündung) und spricht auch in China unter Medizinern von der „Hongkong-Grippe“. Sogar von der „deutschen Kakerlake“ (dt. Schabe, bzw. Küchenschabe) ist die Rede. Und die Mutanten des „Wuhan-Virus“ heißen auch in Peking die „englische“, „südafrikanische“ oder „brasilianische“ Mutation des „Corona-Virus“.

Bevor wir jetzt alle von „SARS-Co V-2“ und der (britischen) Variante „VOC-202012/01 der Linie B.1.1.7“ oder „501Y.V2“ (Südafrika) sprechen, wäre die „britische Mutante“ des „Wuhan-Virus“, welches „Covid-19“ auslöst ziemlich präzise, ja gerechter. Chinas Regierung hat versucht aus purem Machtkalkül den Ausbruch von Covid-19 lange zu vertuschen. Whistleblower, wie der an Covid-19 verstorbene Arzt Li Wenliang wurden mundtot gemacht, Kritiker und Blogger ins Gefängnis gesteckt, nur weil sie es wagten, auf eine drohende Seuche aufmerksam zu machen, die es in Xi Jinpings Lügenreich nicht geben durfte.

Und noch immer verwehrt die KPCh, wie unlängst einer Delegation der WHO in Wuhan, korrekte Daten herauszugeben, die erklären würden, warum das „Wuhan-Virus“ seinen tödlichen Siegeszug von der chinesischen Großstadt um den Globus antreten konnte. Solange Xi Jinping und seine Genossen dieses Spiel mit der Weltöffentlichkeit treiben, sollte diese zumindest von der präzisen Begrifflichkeit „Wuhan-Virus“ reden dürfen.

Über den Autor

Jürgen Kremb
ist ein deutscher Autor, Journalist und Auslandskorrespondent, der vorwiegend zu Asien, Menschenrechten und den Sicherheitsdiensten publiziert. Er studierte und lehrte Ostasienwissenschaften (Japanologie, Sinologie, Tibetologie), Volkswirtschaft und Journalismus an der FU Berlin sowie an der Pädagogischen Hochschule in Taipei/ Taiwan. Als Autor schrieb er für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften im deutschsprachigen Raum. Dazu berichtete er für dpa, den Hörfunk und leitete mehr als zwei Jahrzehnte die SPIEGEL-Redaktionsvertretungen in Beijing, Singapur und Wien. Heute lebt Jürgen Kremb als Berater und Startup-Unternehmer in Wien und meist Singapur, von wo er sich gelegentlich auch für die NZZ und das Handelsblatt meldet.

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