AUS DEM ARCHIV: Die Reisschüssel im Safe – Wird Kambodscha jemals Gerechtigkeit erfahren?

Nhem Sal überlebte das Foltergefängnis Tuol Sleng. Foto: Jürgen Kremb

Phnom Phen, Juni 2006 – Endlich Gerechtigkeit für die Millionen Toten der „Killing Fields“? Im Sommer 2006, 27 Jahre nach Ende des Pol Pot Regimes, stellte sich Phnom Penh auf ein gigantisches Menschenrechtstribunal ein. Aber die wahrhaft Schuldigen sitzen nicht auf der Anklagebank und die Zeugen wurden alleingelassen.

Im Angesicht von Leid und Tod stellen sich Menschen die ewig gleichen Fragen: Warum ich? Warum nicht ein Anderer? Gibt es so etwas wie Schicksal oder Karma, wie es die Buddhisten nennen? Oder ist es einfach das unvorhersehbare russische Roulette der großen Lebenslotterie? Bei einem ist eben eine Kugel im Magazin. Ein Anderer hat Glück. Wenn man es Glück nennen kann, mit diesen Erinnerungen weiterleben zu müssen.

Jetzt sind sie wieder da, all die lähmenden Fragen, die Nhem Sal seit gut drei Jahrzehnten im Schlaf verfolgen. Im Juni 2006, als er zum ersten Mal wieder an die Stätte seines Leidens zurückkehrt, da schmerzen ihn sogar die Fuß- und Handgelenke, als hätten ihn die Aufseher von Pol Pots Roten Khmer (Französisch: Khmer Rouge) noch immer an das nackte Metallbett gefesselt. Dort oben im dritten Stock, in Block A, des berüchtigten Foltergefängnisses Tuol Sleng oder S-21, wie der Codename lautete.

Nhem Sal ist ein einfacher Reisbauer. 1,65 Meter groß, er hat schütteres Stirnhaar und Hände voller Schwielen von der Feldarbeit. Seine einfache Strohhütte steht in der Provinz Takeo, 60 Kilometer südlich der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Eigentlich hätte er sich diesen Weg gern erspart. Lange wusste er zudem nicht, dass es wirklich Tuol Sleng war, wo er Ende 1975 ein Jahr inhaftiert und gefoltert wurde.

Nhem Sal, der Überlebende des Folterlagers Tuol Sleng, vor seinem Bauernhaus. Foto. Jürgen Kremb

Doch im vergangenen Jahr kamen Beamte auf seinen Hof. Sie sagten, er sei als Zeuge für das Khmer-Rouge-Tribunal ausgewählt worden. Anfang 2007, das hatte er in seinem kleinen Schwarzweiß-Fernseher gesehen, sollten nach Jahrzehnten zäher Verhandlungen zwischen der Regierung von Premier Hun Sen und der UNO die letzten überlebenden Politiker der „Republik Kampuchea“, dem Regime des kommunistischen Schlächters Pol Pot, vor ein internationales Menschenrechtstribunal gestellt werden. Die beiden Staatsanwälte würden bereits Unterlagen sichten und Zeugen vernehmen.

Es sind monströse Verbrechen, um die es geht. Drei Millionen Menschen von damals sieben Millionen seien bei dem Versuch gestorben, Kambodscha in die kommunistische Urgesellschaft zu transformieren, sagt Premier Hun Sen. Ausländische Experten halten die Zahl von 1,7 Millionen für realistischer.

„Warum ich“, fragte Nhem. Dann sagten die Beamten ihm, dass von den 20.000 Insassen von S-21 nur sieben überlebt hätten. Nur fünf sind heute noch am Leben. Er sei einer davon und der letzte den sie aufgespürt haben.

Eine Woche überlegt Nhem. Das fällt ihm schwer. Er denkt langsam und kann nur schlecht lesen. Wenn er spricht, dann sind es einfache, kurze Sätze. Und so erzählte er dann alles erst einmal seiner Frau und den vier Kindern. Zuerst, warum er den Roten Khmer schon als 15-Jähriger beitreten war.

Niemand wollte den Krieg damals in Kambodscha. Wer will schon Krieg? Aber Tag um Tag wurde das Land mehr in den Vietnamkrieg gezogen. 500.000 Tonnen Bomben warfen amerikanische B-52-Bomber Ende der Sechzigerjahre auf das Land, nur um den Nachschub der Vietcong, der durch Kambodscha und Laos lief, in den Süden zu stoppen. Danach befragt, log US-Außenminister Henry Kissinger 1969: Wir haben damit nichts zu tun. Das sagte er auch noch, als General Lonol, ein menschenverachtender US-Vasall im Mai 1970 Ministerpräsident Prinz Sihanouk, der sich auf einer Auslandsreise befand, entmachtete.

Als der Prinz dann aus seinem Pekinger Exil im Rebellenrundfunk die Jugend aufforderte, sich den Khmer Rouge anzuschließen, folgten alle Jugendlichen aus Nhems Dorf dem Aufruf, gingen in den Dschungel zu „Angkar“, der „Revolutionären Organisation“.

Doch schon bald fraß die Revolution ihre eigenen Kinder. Einen Monat nach dem „siegreichen“ 17. April 1975, als die Roten Khmer die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh überrannt und entvölkert hatten, da kamen Kindersoldaten, wie er auch einer war, in ihr Lager und warfen seiner Gruppe vor „Spione der US-Imperialisten“ zu sein. Sein Kommandeur endete nach wenigen Minuten Verhör, durch einen Kopfschuss ermordet, als „Düngemittel auf den Reisfeldern“. So hieß das damals in der menschenverachtenden Sprache der „Steinzeitkommunisten“: Leichname waren nur noch „Düngemittel“.

Und dann erzählt Nhem seiner Familie, wie er ins Gefängnis kam, über die ständige Folter. Wie er in Ketten lag wie ein Hund und wie er schließlich nach einem Jahr mit verbundenen Augen entlassen wurde, wie er jetzt weiß, aus dem Folterlager Tuol Sleng, um wieder als Roter Khmer an der Grenze gegen Vietnam kämpfen zu müssen. Ja, bis Pol Pots Schreckensherrschaft vorbei war, mit dem Einmarsch der Soldaten Vietnams, angeführt von Premier Hun Sen, am 25. September 1978.

Kambodscha ist noch lange keine Demokratie. Es ist arm, die Hälfte der Bevölkerung lebt von einem Dollar am Tag, und auch 13 Jahre nachdem die UNO im September 1993 die ersten Wahlen organisiert hatte, ist Kambodscha noch immer kein Rechtsstaat. Eine Privatarmee von geschätzten 2500 Bodyguards garantiert die Sicherheit von Premier Hun. Er lebt in einem Militärlager. Die Opposition hält er mit Zivilklagen klein. Wenn es sein muss auch mit einem blutigen Coup wie 1997 oder handfesten Morddrohungen gegen seine Widersacher.

Leute wie Nhem werden da normalerweise nicht gefragt. Deshalb macht es ihn stolz, dass er als Zeuge auftreten soll. Erstmals in seinem Leben fühlt er sich ernst genommen. Und als ihn der Autor dieser Reportage im Sommer 2006 ausfindig macht, braucht es nicht viel Überzeugungsarbeit: Nhem Sal, der Überlebende der „Killing Fields“ zieht sein einziges weißes Hemd an und fährt nach drei Jahrzehnten erstmals zurück zur Stätte seines Leidens.

Nur die Gedanken an die Folter fügen ihm heute noch Schmerzen zu. Foto: Jürgen Kremb

Über dem Eingangstor von Tuol Sleng verkünden weiße Lettern „Genozid-Museum“. Im Erdgeschoss sind lange Reihen von Bildertafeln aufgestellt. Jeder Gefangene wurde damals bei seiner Einweisung in den tropischen Gulag von Pol Pots Schergen nach genauen Vorgaben fotografiert.

Eine Weile läuft Nhem an den Posterwänden entlang und sucht vergebens ein Bild von sich, doch bald wird ihm schlecht vor Erinnerung und er eilt ins Freie, um sich erschöpft auf eine Bank zu setzen. Erst ist er still, dann sagt er: „Ich will keine Rache für all das. Ich will Gerechtigkeit und Klarheit vor allem.“ Die Frage, die ihn am meisten bewege, sagt er, sei, warum die Roten Khmer so unmenschlich töteten. Warum taten Khmer das ihren Brüdern an? Wer befahl das?

Fragen eines einfachen Reisbauern, die auch ein Wissenschaftler wie der Franzose Philippe Peycam nur ungenügend beantworten kann. „Wahrscheinlich wird das auch das Tribunal nicht erklären können“, sagt der Leiter des Zentrums für Khmer-Studien in Siem Reap. Sein Büro liegt in einem restaurierten buddhistischen Tempel. Im Garten wachsen Bambusstauden und Kokosnusspalmen. Nicht weit ist es von seinem Schreibtisch zu den Tempelanlagen Angkor Wat, die vom elften bis zum 13. Jahrhundert erbaut wurden – beeindruckendes Zeugnis der einstigen Größen der Khmer-Reiches.

„Indirekt fing die Katastrophe mit uns Franzosen an“, sagt Peycam. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte in Frankreich eine ähnliche, naive Verklärung für Angkor Wat und die Kultur der Khmer vor, wie während der Zeit der Romantik für das alte Rom. Doch als die französische Kolonialarmee in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Indochina einfiel, mussten die Europäer feststellen, dass das Reich der Khmer schon lange nicht mehr existierte. Es stand unter der Vorherrschaft von Thailand und Vietnam, nichts als Ruinen waren von der einstigen Hochkultur Angkors noch übrig. Die Kolonialherren machten das Land 1863 zum Protektorat mit einem kambodschanischen König. Aber erst 1953 bekam der junge Prinz Sihanouk die Verantwortung über sein Land zurück.

Doch viel Zeit um den Aufbau seiner Nation voranzutreiben, die über keine eigene kulturelle Identität mehr verfügte, hatte er nicht. Bald schon wurde Kambodscha in den Vietnamkrieg verwickelt. Unter der Führung von Pol Pot bildete sich die linke Guerilla, die Roten Khmer, deren Vorbild Mao Zedongs Kulturrevolution war. „Als ihr Land schon wieder zu zerbrechen drohte“, sagt Peycam, „wehrten sich die Radikalen mit einem übersteigerten Fremdenhass“. Sie suchten die Gründe für das Desaster in ihrem Land bei den Ausländern. Je mehr sie töteten, desto sicherer glaubten sie zu sein, jeden ausländischen Einfluss auszurotten. Ein verzweifelter, mörderischer Nationalismus, aus Angst wieder einmal zwischen den Mühlsteinen der Geschichte Südostasiens zerrieben zu werden.

Eine Wahnidee, die auch heute noch nicht ganz untergegangen ist. Besonders im dünnbesiedelten Norden des Landes, dort wo sich die Roten Khmer nach Ende ihrer Herrschaft zurückgezogen hatten. Die Fahrt dorthin ist lang und beschwerlich. Die Straßen sind nicht asphaltiert. In den Weilern am Wegesrand grassiert die Malaria und Kinder mit Beinprothesen erinnern daran, dass die Bewohner angesichts der Minen, die immer noch überall im Boden lauern, den Krieg noch lange nicht vergessen können.

Der 46-jährige Fotograf Nhem Em lebt hier im Marktflecken Anlong Veng, einer kleinen Siedlung mit Wellblechdächern und einfachen Holzhäusern, vor denen verbeulte japanische Pick-ups parken. Von Anlong Veng sind es nur wenige Autominuten bis zur thailändischen Grenze. Auch Nhem war als Kindersoldat den Roten Khmer beigetreten. „Weil die B-52-Bomber unser Land zerschmetterten“, sagt er mit pathetischem Tremolo in der Stimme. Aber er hatte Glück und musste nicht an die Front. Stattdessen wurde er 1976 nach China geschickt, wo er eine Fotografenlehre erhielt und dann nach der Rückkehr nach Phnom Phen auf Geheiß von „Angkar“ seinen Dienst als einer von fünf Fotografen im Folterlager S-21 antrat.

Vielleicht hatte er sogar das Foto von Reisbauer Nhem Sal gemacht, als dieser in Tuol Sleng eingeliefert wurde. Doch er will sich nicht mehr erinnern. „Ich habe die Menschen schreien hören, aber mein Haar wächst auf meinem Kopf“, sagt er gefühllos. Was soviel heißt wie: man wusste besser nicht Bescheid. „Sie brachten jeden Tag Neue“, sagt er. Noch heute bereut er nichts, Schuldgefühle sind ihm fremd.

Als Pol Pot 1979 vor den vietnamesischen Truppen floh, folgte Nhem, der Fotograf, seinem Oberbefehlshaber freiwillig in die undurchdringliche Dschungelregion des Nordwestens, dorthin wo auch Angkor Wat liegt. Der Diktator mochte den stillen Fotografen mit dem devoten Blick und ernannte ihn bald zu einem seiner Privatfotografen. „Er war kein schlechter Mann“, sagt Nhem heute über den Massenmörder Pol Pot. „Er hat sich immer um seine Leute gekümmert. Ohne ihn wären wir heute nur ein amerikanischer Vasallenstaat.“

Und die 8000 Massengräber, die „Killing Fields“, die im ganzen Land nach Ende der Ära „Angkar“ entdeckt wurden? Zwei Drittel der Opfer seien an Unterernährung und Krankheiten gestorben. „Eine Folge des Krieges, der uns aufgezwungen wurde.“ Der Fotograf ist ein kleiner, korpulenter Mann, der sehr breitbeinig auf einem roten Plastikschemel sitzt und die Realität einfach nicht akzeptieren will.

Stattdessen hegt er heute einen neuen Traum: Er möchte ein Pol-Pot-Museum aufbauen. Aus einer Metallkiste zieht er alte Fotos hervor. „Bruder Nr. 1“ beim Marsch durch den Dschungel ist darauf zu sehen. Oder Pol Pot lächelnd mit seinen Kommandeuren, dabei schaut er fast wie ein gütig lächelnder Großvater auf seine Söhne herab. Manchmal führt Nhem Em Besucher für ein Honorar von 100 Dollar zum Grab des Massenmörders, der 1998 in Anlong Veng gestorben ist. Es liegt nur fünf Autominuten von Nhems Haus entfernt.

Propaganda von Angkar. Historisches Filmdokument.

Auch Fotograf Nhem Em soll in dem Menschenrechtstribunal auftreten. Noch ist ihm aber nicht ganz klar, ob als Zeuge oder Angeklagter. „Wenn die Regierung mich vor das Tribunal stellen will“, sagt er mit einem Siegerlächeln, „gerne, ich habe keine Angst.“ Er weiß nur zu genau, dass ihm nichts passieren kann. Der Regierung Hun Sen dient der Fotograf Pol Pots mittlerweile nämlich als stellvertretender Distriktchef der Grenzregion. Bis 1995 wurde hier noch scharf geschossen. Heute ist Premier Hun Sen Ruhe an den Rändern des Landes viel wichtiger als die Aufarbeitung der Geschichte.

Das Grab von Pol Pot. wird von seinem Leibfotografen gepflegt. Foto: Jürgen Kremb

Die meisten Führer der Roten Khmer hat er längst begnadigt, einige sind hohe Beamte geworden. Angeklagt werden, so besagt es der über zehn Jahre zäh verhandelte Vertrag zwischen der UNO und Hun Sens Kambodschanischer Volkspartei (CPP), dürfen nur: „die älteren Führer und diejenigen, die am meisten verantwortlich für die Verbrechen sind.“

Und deswegen ist Claudia Fenz auch nicht gerade euphorisch gestimmt. Die blonde Wiener Juristin ist eine von zwölf internationalen Richtern und Staatsanwälten, die dem 30-köpfigen Tribunal angehören soll. Es trägt den sperrigen Namen: „Außerordentliche Kammer in den Gerichten Kambodschas zur Verurteilung der Verbrechen, begangen während der Zeit der Republik Kampuchea“. Im Juli 2006 besuchte sie erstmals Kambodscha und jetzt fragt sie sich, um was es bei dem Tribunal eigentlich geht: um Gerechtigkeit oder um Machtpolitik?

Ihre Bedenken fangen schon bei der Ausstattung des Gerichtssaals an. Der liegt 30 Kilometer außerhalb der Hauptstadt in einem Militärbezirk. Ursprünglich als Theatersaal zur Truppenunterhaltung konzipiert, erhebt sich jetzt über 500 blauen Kinosesseln eine gewaltige Bühne für das juristische Personal. Man könnte sagen, ideal für einen Schauprozess. Aber das sagt Claudia Fenz nicht. Sie weiß, dass die Verteidigung nur darauf lauert, Richter wegen irgendwelcher unbedachten Äußerungen oder Formfehler als befangen abzulehnen und damit das Verfahren zu torpedieren.

Mehr Zweifel kommen ihr aber bei der Frage, wer drei Jahrzehnte nach den „Killing Fields“ überhaupt noch zur Verantwortung gezogen werden kann. Pol Pol, „Bruder Nr. 1“, ist seit 1998 tot. Nuon Chea, 82, „Bruder Nr. 2“ lebt unbehelligt im Städtchen Pailin, einem weiteren Rückzugsgebiet ehemaliger Roter-Khmer-Kämpfer, unweit von Anlong Veng entfernt. Auch dem früheren Außenminister der Roten Khmer, Ieng Sary und Staatspräsidenten Khieu Samphan ist leicht nachzuweisen, dass sie für viele Morde verantwortlich sind, doch auch sie leben immer noch in Freiheit. Einzig „Duch“, mit bürgerlichem Name Khang Khek Ieu, der gefürchtete Leiter von S-21 sitzt schon seit 1999 in einem Militärgefängnis.

Nuon Chea, „Bruder Nr 2“, zeigte bis zum Ende keien Reue. Video: Youtube

Alle denkbaren Angeklagten sind alt, krank und sie können sich noch immer frei im Land bewegen. Eine der schlimmsten Befürchtungen der ausländischen Juristen wurde am 22. Juli 2006 wahr, als der 80-jährige Ta Mok, der ehemalige Militärchef der Roten Khmer, auch genannt „der Schlächter“, im Militärkrankenhaus von Phnom Penh verstarb, ohne dass er je ein Geständnis abgelegt hatte. Es ist durchaus denkbar, dass vor Ablauf des historischen Tribunals viele der Hauptangeklagten nicht mehr am Leben sind.

Dennoch sind die Erwartungen hoch. Beim Eröffnungsempfang für das diplomatische Corps nahm der südkoreanische Botschafter die internationalen Richter und Staatsanwälte zur Seite und mahnte sie eindringlich, sie müssten sich der historischen Verantwortung bewusst sein, „weil das Verfahren die erste juristische Abrechnung mit dem Kommunismus ist.“

Den Generalsekretär der oppositionellen Sam-Ransy-Partei, Kong Korm, macht das alles ziemlich wütend: „Was die UNO hier erlaubt, ist, dass eine kommunistische Partei mit einer anderen, ihr in einem blutigen Machtkampf unterlegenen KP, abrechnen darf.“

Was Kong besonders stört, ist die beschränkte zeitliche Zuständigkeit des Tribunals. Genau drei Jahre nach Vereidigung der ersten Richter, am 1. Juli 2009 schon, muss der komplizierte Prozess laut den internationalen Statuten bereits abgeschlossen sein. Zudem darf der Gerichtshof ausdrücklich nur Verbrechen in Betracht ziehen, die in der Zeit von Pol Pots „Republik Kampuchea“ – zwischen dem 17. April 1975 und dem 7. Januar 1979 – begangen wurden.

„Es ist richtig, dass wir während der Regentschaft der Roten Khmer durch die Hölle gingen“, schimpft Kong aufgeregt, „aber auch nachdem die Vietnamesen in Kambodscha einmarschiert waren, um die „Killing Fields“ zu beenden und Premier Hun Sen als ihren kommunistischen Stadthalter installierten, ereigneten sich noch viele Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen. Warum soll all das nicht bestraft werden?“ Dann erzählt der Oppositionspolitiker vom Jahr 1985.

Pol Pots Truppe hatte sich damals längst an die Grenze zu Thailand zurückgezogen und lieferte den Regierungstruppen von Hun Sens Kambodschanischer Volkspartei in gelegentlichen Scharmützeln erbitterten Widerstand. Der Premier ließ deshalb aus jeder Familie einen jungen Mann zwangsrekrutieren. Was als „Operation K 5“ in die blutigen Annalen der jüngeren kambodschanischen Geschichte einging, kostete noch einmal 50.000 jungen Männern, meist waren es Jugendliche oder Kinder, das Leben. In sinnlosen militärischen Aktionen wurden sie von Hun Sens Generälen in Minenfelder getrieben, viele starben nach monatelangen Kämpfen geschwächt an Malaria.

Was als „Operation K 5“ in die blutigen Annalen der jüngeren kambodschanischen Geschichte einging, kostete noch einmal 50.000 jungen Männern, meist waren es Jugendliche oder Kinder, das Leben.

Der Einzige, der von dem Tribunal profitieren könne, meint Kong, sei Premier Hun Sen. Das Tribunal stelle ihn als Demokraten dar, aber seine Macht gründe sich auf Korruption und Machtmissbrauch.

Auch Gregory Stanton, Rechtsprofessor an der amerikanischen Mary Washington Universität ist skeptisch. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit dem Völkermord in Kambodscha. 1980 war er als Mitarbeiter einer humanitären Organisation in das Land gekommen, gleich nach dem Einmarsch der Truppen Hanois. Phnom Penh war mit 30.000 Bewohnern nur noch eine Geisterstadt. Stanton hat damals Reisfelder gesehen, in denen massenhaft verwesende Leichname trieben. Er hörte Geschichten von Babys, die an Bäumen zerschmettert wurden und von Müttern, denen man eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt hatte, um Kugeln zu sparen. Davon, dass man die Grenzgebiete entvölkerte und die Bauern verhungern ließ, weil Pol Pot meinte, die Bewohner dort hätten zwar „Khmer Körper, aber vietnamesische Gedanken“.

Aber als Stanton in die USA zurückkehrte, wollte niemand von Kambodscha und seinem Leid hören. „Ausgerechnet Vietnam, dem wir Amerikanern eine so schändliche Niederlage verdanken“, sagt Stanton, „sollte die Kambodschaner mit Hilfe ihres Vasallen Hun Sen vom Massenmörder Pol Pot befreit haben?“ Das war zu viel und auch zu kompliziert für viele amerikanische Politiker und passte zudem ganz und gar nicht in die politische Großwetterlage.

„Er hörte Geschichten von Babys, die an Bäumen zerschmettert wurden und von Müttern, denen man eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt hatte, um Kugeln zu sparen. Davon, dass man die Grenzgebiete entvölkerte und die Bauern verhungern ließ, weil Pol Pot meinte, die Bewohner dort hätten zwar „Khmer Körper, aber vietnamesische Gedanken“.

In der UNO giftete China gegen die „historischen Großmachtallüren Vietnams“ und erklärte dem ehemaligen Waffenbruder 1978 den Krieg. Bis 1991 erkannte die Weltorganisation den kruden Dreierbund aus Sihanouks Royalisten, dem Antikommunisten Son Sann und Pol Pots Bluthunden als einzigen legitimen Vertreter Kambodschas an, gleichwohl deren Staatsgebiet nur noch aus den Dschungel-Enklaven Pailin und Anlong Veng bestand.

Damit sie dort nicht vollends überrannt wurden, lieferte Peking Landminen und Waffen an die ungleichen Alliierten im Dschungel. Bangkok stimmte dem Transport des militärischen Geräts über sein Staatsgebiet zu und der CIA-Stationschef in Bangkok brüstete sich noch bis in die früheren Neunzigerjahre: „Ich halte die Koalition zusammen.“ In geheimen Operationen suchte die CIA immer wieder das pro-sowjetische Regime in Phnom Penh zu schwächen. Das verlängerte den Hunger, das Leid und den Krieg und hielt die Roten Khmer an den Waffen.

„Es müssen weit über 100.000 Menschen gewesen sein, die auch nach dem Einmarsch der Vietnamesen starben“, sagt Stanton. „Sie liefen auf Minen, starben elendig an Malaria oder Entkräftung in den Flüchtlingslagern.“ In Kambodscha nennt man diese Zeit: „Killing Field Nummer Zwei“. Wenn wirklich der Völkermord in Kambodscha verurteilt werden sollte, dann müssten auch Hun Sen, die damalige chinesische Regierung, Washingtons Politiker aus der Zeit wie etwa Henry Kissinger und Bangkoks Generäle auf der Anklagebank sitzen. Aber das ist wohl unrealistisch.

Erst 1997 ließ sich US-Außenministerin Madeleine Albright die Zustimmung abringen, dass die UN mit Hun Sen ein Menschenrechtstribunal ausrichten könne. Das Memo dafür hatte Stanton geschrieben, der damals im State Departement arbeitete.

„Das Tribunal bringt sicher keine Gerechtigkeit“, sagt Youk Chhang. Er ist eine Art kambodschanischer Simon Wiesenthal. Hätte er mit seinem Dokumentations-Zentrum nicht nach den wenigen schriftlichen Belegen für den Massenmord gesucht und Zeugenaussagen des Horrors und des Leids aufgespürt, wäre das Tribunal nie zustande gekommen.

Viele Mitglieder seiner weitverzweigten Großfamilie wurden von Pol Pots Schergen umgebracht. Seiner ältesten Schwester schlitzten die Roten Khmer vor den Augen ihrer Kinder den Bauch auf, weil sie verdächtigt wurde, im Arbeitslager Reis gestohlen zu haben und ihre Peiniger nachsehen wollten, ob der Reis noch im Bauch sei.

„Das Tribunal bringt sicher keine Gerechtigkeit“, sagt Youk Chhang. Foto: Jürgen

Als darauf ihre Tochter nicht aufhören wollte zu weinen, gab ihr einer der Täter die Reisschüssel der Mutter und versprach: „Wenn du sie aufbewahrst, kommt deine Mutter eines Tages aus dem Himmel zurück.“

Chhangs Nichte ist längst erwachsen und lebt in den USA. Die Reisschüssel hat sie in einen Banksafe gestellt. Ab und zu wollen ihre Kinder wissen, was es mit der Schüssel für eine Bewandtnis hat. Dann sagt die Nichte: „Fragt den Onkel in Kambodscha“.

Aber Onkel Chhang hat es bis heute noch nicht fertiggebracht, die Geschichte im größeren Familienkreis zu erzählen. Den Richtern des Menschenrechtstribunals aber möchte er sie nicht mehr vorenthalten!

Nachspann: Nach langem Verfahrensstreit zwischen kambodschanischen Juristen und ihren ausländischen Kollegen, konnte das Menschenrechtstribunal gegen die Führer der Roten Khmer im Sommer 2007 seine Verhandlungen aufnehmen. Als erster Angeklagter wurde Khang Kek Ieu („Duch“) Ende Juli 2007 von den Richtern vernommen. Am zwölften November 2007 kamen dann endlich auch Ieng Sary, der ehemalige Außenminister der Roten Khmer, und seine Frau in Haft. Nur einen Tag später erlitt ein weiterer der greisen Verdächtigen, der einstige Staatschef von Pol Pots Regierung, Khieu Samphan einen Schlaganfall. Noch Tage zuvor hatte er ein Buch veröffentlicht, in dem er die Politik des Diktators ausdrücklich lobte: „Es gab keine Hungersnöte in der Zeit Pol Pots und es wurde nie die Direktive erlassen, dass Menschen umzubringen seien.“ Am ersten April 2008 stand dann auch Khieu Samphan erstmals vor dem Menschenrechtsgerichtshof. 

(Erschienen 2008, in: „Der Rikscha-Reporter“. Mit freundlicher Genehmigung des Herbig-Verlags, München.)

Über den Autor

Jürgen Kremb
ist ein deutscher Autor, Journalist und Auslandskorrespondent, der vorwiegend zu Asien, Menschenrechten und den Sicherheitsdiensten publiziert. Er studierte und lehrte Ostasienwissenschaften (Japanologie, Sinologie, Tibetologie), Volkswirtschaft und Journalismus an der FU Berlin sowie an der Pädagogischen Hochschule in Taipei/ Taiwan. Als Autor schrieb er für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften im deutschsprachigen Raum. Dazu berichtete er für dpa, den Hörfunk und leitete mehr als zwei Jahrzehnte die SPIEGEL-Redaktionsvertretungen in Beijing, Singapur und Wien. Heute lebt Jürgen Kremb als Berater und Startup-Unternehmer in Wien und meist Singapur, von wo er sich gelegentlich auch für die NZZ und das Handelsblatt meldet.

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