Vom SPIEGEL lernen, heißt Namen verwechseln? Warum sich einige Journalisten blamieren, wenn sie auf China-Kenner machen.

Deng, Mao, GongDeng, Mao, Gong - sehen irgendwie alle gleich aus. Foto: Jürgen Kremb

China wird Supermacht, das wissen wir mittlerweile alle. Deswegen hat auch jeder noch so unwissende Schreiber, Redakteur und Autor dieser Tage eine Meinung zu dem Riesenland im Osten. Manchmal hätte er oder sie das besser nicht.

Schon im Volontariat bekam früher jeder Redakteurslehrling diesen Leitsatz eingebläut: „Namen sind Leser.“ Ich erinnere mich noch lebhaft, als dereinst mein Lokalchef im Frankenthaler Teil der pfälzischen „Rheinpfalz“ mir verbal eine abwatschte, weil ich den Namen eines Stadtrats falsch geschrieben hatte. „Wer nimmt Ihnen denn ab, dass Sie verstehen, worüber Sie schreiben, wenn Sie noch nicht mal den Stadtrat richtig buchstabieren können.“ Und dann schob er nach: „Der bestellt uns doch die Zeitung ab.“ Denn, Namen brächten eben Leser. Das saß.

China und DER SPIEGEL, schwierige Beziehung. Foto: Jürgen Kremb

Nun, es ist nicht zu erwarten, dass Xi Jinping oder der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Zhao Lijian demnächst den SPIEGEL abbestellt. Aber bei der Lektüre einer SPIEGEL-Kolumne fiel mir die Standpauke meines ersten Chefs wieder ein. Und ich fragte mich ernsthaft, ob der Kollege versteht, wovon er schreibt, wenn er noch nicht einmal den Vornamen vom Nachnamen der handelnden Personen unterscheiden kann.

Aber jetzt erstmal von Anfang an. Es geht um die Kolumne „Von Putin lernen heißt Lügen lernen“ von Christian Stöcker. Der Kollege möchte darin nachweisen, dass Chinas Staatsmedien jetzt auch das Lügen von Vladimir Putin gelernt haben, weil sie sich seiner „Verschwörungsnarrative bedienen“. Ich möchte nicht grundsätzlich der These von Stöcker widersprechen, dass Chinas Kommunisten verdammt gute Lügner sind. Das durfte ich ja selbst für das Blatt, das Kollege Stöcker bedient, acht Jahre lang vor Ort erleben.

Dass sie dafür aber Putin bräuchten oder gar von ihm lernen müssten, hm? Äußerst fraglich. Dazu sei das derzeit wohl beste Buch zum Thema zitiert. In die „Neuerfindung der Diktatur“ weist Kai Strittmatter, der ehemalige Korrespondent der SZ in Peking nach, dass die chinesischen Kommunisten die Gehirnwäsche quasi erfunden haben. In der Kulturrevolution (1966-1976) war das Lügen, Täuschen und Betrügen im Namen Maos das Vorgeplänkel, um mindestens sechs, vielleicht zehn Millionen Menschen meist grausam ins Jenseits zu befördern.

Screenshot „Der Spiegel“. Vot the….

Und unter dem neuen roten Kaiser Xi Jinping haben die „commies“ aus Peking die staatliche Propaganda geradezu monströs perfektioniert. Keiner beschreibt das im Moment besser als Strittmatter. Okay, das kann man noch verzeihen, wenn ein Propaganda-Experte (das ist doch ein Kognitionspsychologe, oder?) meint, dass die KPCh das Lügen von Putin lernen müsste.

Was dann mein altersgeschwächtes Sinologen-Herz gefährlich schnell schlagen ließ, war als Stöcker begann mit Namen um sich zu werfen. Erst schrieb der SPIEGEL-Mann von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Korrekt! Dann von Zhao Lijian, einem der Sprecher des Außenamtes. Perfekt, 100 Punkte für’s richtige Buchstabieren von exotischen Namen. Als Stöcker aber die Chinesen beim Familiennamen nennen wollte, wurde daraus Xi und Lijian. „Vot?“ würde Uncle Roger aufschreien. „Vot the §$%&.“

Okay! Ich verstehe, irgendwie sehen die Asiaten ja doch alle gleich aus. Am Tag vor meiner Hochzeit (damals in Taiwan) habe ich fast meine (zukünftige) Frau im Frisörsalon nicht mehr erkannt. Das freilich ist jetzt eine ganz andere Geschichte.

Aber wie sehr der Kollege Stöcker mit den Namen und Funktionen durcheinander geriet, zeigte sich beim nächsten Zitat. Da wurde Liu Xin, „eine Moderatorin des chinesischen Staatsfernsehens“ zitiert, um sie dann kurz später zu Frau „Xin“ zu machen. Da muss doch was auffallen, wenn man halbwegs nachdenkt – oder? Wie liest sich denn ein Text, bei dem von „Bundeskanzlerin Merkel“, dem „Finanzminister Olaf“ und „ZDF-Anchor Marietta“ die Rede ist?

Jetzt mal die Regeln:

  1. Familiennamen stehen in China vorne. Also: Herr/ Frau Xi, Zhao, Liu, Wang, Chen, Ma, Huang usw. (Queer kennt der Chinese nicht, obwohl er ja eigentlich immer eher links is‘.)
  2. Die eine Silbe (= Schriftzeichen) oder die zwei Dinger bzw. Silben dahinter (meistens sind es zwei!) benennen den Ruf- oder was im Deutschen der „Vor“name ist.

Also: Oberkommunist Xi, Pressesprecher Zhao und Fernsehtante Liu. Es sei denn, ihr seid schon beim „Du“. Dann Kumpel Jinping, Lijian oder Xin.

Ihr seid per Du, oder?

Und nicht nur das, die zitierte Moderatorin Liu Xin ist nicht „Moderatorin des Staatsfernsehens“, sondern Sprecherin beim englischsprachigen, also dem für das Ausland bestimmten Ableger des chinesischen Staatsfernsehens CGTN (= China Global Television Network). Damit sowas wie die Deutsche Welle und nicht die ARD. Leute, was ist denn mit der berühmten SPIEGEL-Dokumentation los, wenn so ein Lapsus auch sechs Wochen (Stand: 16. März 2021) nach Erscheinen der Kolumne noch immer auf SPIEGEL-ONLINE dümpelt?

Aber Stöcker steht mit seinem China-Un-Wissen nicht alleine. Gabor Steingarts „Morning Briefing“, eigentlich von mir sehr verehrt, der Mann, wie seine journalistischen Auftritte, erinnerte an Deng Xiaoping, „des ökonomisch bedeutsamsten Politikers des 20. Jahrhunderts.“ Und zwar so: „Der von Mao Zedong zunächst geschätzte und geförderte, dann allerdings verfemte und verfolgte Kommunist, stieg wenige Monate nach dem Tod seines Peinigers im Alter von mittlerweile 74 Jahren zum Staats- und Parteichef auf.“

Deng Xiaoping war der mächtigste Mann seiner Zeit in China. Aber Deng war nie Staatspräsident und schon gar nicht Parteichef der KPCh. Das „Regierungssystem Deng“ funktionierte folgendermaßen: „Er war Vizepremierminister, Vizeparteivorsitzender und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission. Zu Hongkonger Medien meinte er dazu „Ich habe doch schon Namen und Ruhm, oder? Mehr brauche ich nicht!“ (PS: Zudem war kurz nach der Kulturrevolution das Amt des Staatspräsidenten noch abgeschafft.)

Das Großartige an dem gerade mal 1,53 Meter kleinen Deng, er zog meist nur aus dem Hintergrund, als „graue Eminenz“, die Strippen der chinesischen Politik. Das jedenfalls in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. In den 50ern hatte er sehr wohl auch bedeutende Regierungs- und Parteiämter innegehabt. Aber nie in der ersten Reihe.

Die einzige Funktion, die Deng zuletzt behielt, war der Vorsitz der Zentralen Militärkommission. Die Macht kommt ja in China bekanntlich, so Mao, „aus den Gewehrläufen.“ Über seine wirtschaftlichen Kompetenzen machte Deng sich übrigens selbst wenig Illusionen. Das erzählte mir seine älteste Tochter Deng Lin einmal auf einer gemeinsamen zweiwöchigen Reise durch Deutschland. Der alte Deng vertraute, wenn es um die Ökonomie ging, lieber auf den Reformer Chen Yun, KP-Generalsekretär Hu Yaobang und den späteren Premier Zhao Ziyang.

Heugabel oder Mistblatt?

„Why the hell it matters?“ würde der Angelsachse vielleicht jetzt fragen.

Das erklärt eine weitere Anekdote aus dem bisweilen trüben Quellenteich deutscher China-Erklärer. Am 9. Dezember letzten Jahres erschien im Berliner Tagesspiegel ein Artikel zum Thema Chinas „Wolfskrieger“. Wie das eben so läuft, wollten die Kollegen besonders smart sein und bebilderten die Geschichte mit einem chinesischen (🧐) Schriftzeichen, das, wie sie glaubten, „Macht“ hieße.

Dummerweise kommt es bei chinesischen Schriftzeichen auf jedes kleine Häkchen, Strichlein und jeden Punkt an. Und im Tagesspiegel war dann bei „Macht“ eben ein Strich zu viel des Guten. Die Berliner Schlaumeier druckten das Zeichen für „Heugabel“. Mist gestricht könnte man sagen.

Für die chinesische Propaganda war das ein gefundenes Fressen, wie Wolfgang Hirn vom Newsletter „ChinaHirn“ hier erklärte. Damit zeige sich nämlich, dass all die bösen Ausländer, die es wagten China zu kritisieren, eigentlich gar keine Ahnung vom Land der Mitte haben. Das muss dann doch wirklich nicht sein – oder?

Sinologen gegen Tagesspiegel

Deshalb:

Liebe Kollegen und Kolleginnen in den deutschen Redaktionsstuben, es gibt mittlerweile eine Menge ganz herausragender junger Sinologen und besonders Sinologinnen, die so gut Chinesisch sprechen und auch schreiben, wie meine Generation (Babyboomer) vielleicht grad mal Englisch. Bitte fragt die doch in Zukunft, wenn ihr so tun wollt, als hättet ihr Ahnung von China. Sonst wird’s wieder mal nur peinlich. Danke!

Über den Autor

Jürgen Kremb
ist ein deutscher Autor, Journalist und Auslandskorrespondent, der vorwiegend zu Asien, Menschenrechten und den Sicherheitsdiensten publiziert. Er studierte und lehrte Ostasienwissenschaften (Japanologie, Sinologie, Tibetologie), Volkswirtschaft und Journalismus an der FU Berlin sowie an der Pädagogischen Hochschule in Taipei/ Taiwan. Als Autor schrieb er für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften im deutschsprachigen Raum. Dazu berichtete er für dpa, den Hörfunk und leitete mehr als zwei Jahrzehnte die SPIEGEL-Redaktionsvertretungen in Beijing, Singapur und Wien. Heute lebt Jürgen Kremb als Berater und Startup-Unternehmer in Wien und meist Singapur, von wo er sich gelegentlich auch für die NZZ und das Handelsblatt meldet.

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